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Kulturelle Fettnäpfchen und Integration

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Date20 Dec 2021

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Der deutsche Botschafter in Neu Delhi spricht in diesem Interview mit New2 darüber, was Integration für ihn bedeutet, welche Gemeinsamkeiten es zwischen deutscher und indischer Kultur gibt und in welche Fettnäpfchen er selbst schon getreten ist. New2 bedankt sich ganz herzlich bei Walter J. Lindner, der seit 2019 Botschafter für Indien ist, für das ausführliche Interview. 

Anjana Singh: Herr Lindner, vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben. Ich habe einige Fragen zu Integration in einer neuen Gesellschaft mitgebracht. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass die Menschen, die in ein anderes Land ziehen, sich in die Gesellschaft integrieren? 

Walter J. Lindner: Es kommt natürlich darauf an, wie lange sie in dem Land sind. Wenn sie nur für kurze Zeit dort sind, dann ist es nicht so wichtig. Aber je länger sie dort sind, desto wichtiger ist es für sie, die Sprache zu lernen und zu wissen, welche Kultur dort vorherrscht. Es geht darum, den Respekt vor dem Land zu zeigen, aber auch das Land und die Mentalität besser zu verstehen. 

Nehmen Sie zum Beispiel wenn ich jetzt in Indien bin, sitze ich nicht hier die ganze Zeit in der Botschaft, sondern ich gehe raus. Ich gehe in die einzelnen Bundesstaaten und geh in die Märkte und so weiter, weil ich wissen will, was macht die Inder aus. Wenn ich jetzt als Inder nach Deutschland gehe, ist es natürlich auch gut zu wissen, wie ticken die Deutschen. Wie ist die Mentalität, warum sind sie wie sie sind. Dann muss ich etwas wissen zu Geschichte, zu Politik, zur Soziologie, zur Musik, zu allen möglich Punkten und so weiter. Je mehr sie wissen, umso mehr fühlen sie sich wohl. Integration ist genau das. Nicht, dass man das aufgibt, was man selbst mitbringt, sondern, dass man sieht, was machen die anderen und wie kann ich mich selbst da einbringen. 

Anjana Singh: Genau! Das ist ja auch, was Sie hier tun. Es ist sehr viel bekannt über deutsche Kultur, aber auch über indische Kultur. Aber aus Ihrer Perspektive, wo sehen Sie zwischen der deutschen und indischen Kultur Gemeinsamkeiten? Ich finde, wenn man die Gemeinsamkeiten am Anfang sehen kann, dann dann fällt es leichter, einen Zugang zu finden. Wo würden Sie sagen, gibt es in Deutschland und Indien Gemeinsamkeiten an bestimmten Punkten, oder sehen Sie gar keine?

Walter J. Lindner: Doch, doch! Aber das ist auch der Grund, warum ich hier bin, weil ich herausfinden will, wo sind die Gemeinsamkeiten. Es muss viele geben, denn nicht umsonst gibt es die größte Anzahl von Sanskrit-Forschern in Deutschland - mehr als in Indien. Das heißt, da gibt es all dieses Interesse an der indischen Kultur in Deutschland. 

Ich glaube beide Mentalitäten sind so ein bisschen “no-nonsense”, also wir sind sozusagen sehr geradeheraus, wir sagen was wir wollen, wir reden nicht so um den Busch herum, sondern sind straightforward - eine gewisse Ernsthaftigkeit, um es mal so zu sagen. Es gibt eine gewisse Tiefe in der Kultur, hier sind es tausende von Jahren, in Deutschland sind es auch lange Jahre. So haben wir eine alte Kultur, auf die man auch stolz ist und auf die man sich immer beziehen kann. 

Und dann ist es glaube ich so, dass die Deutschen gerne reisen. Sie gehören zu den Reiseweltmeistern und sie sind interessiert an fremden Kulturen. Viele zieht es nach Indien, weil sie dieses Mystikum Indien dechiffrieren wollen. Was ich so sehe ist, dass viele Inder das Ausland, in das sie gereist sind, nur aus einer beruflichen Perspektive kennen. Den Rest der Länder in Europa beispielsweise kennen sie vor allem durch Bollywood Filme, wie die Schweiz, Frankreich und so weiter. Es gibt aber so viel mehr in Europa. Und was es in Deutschland gibt, das wollen wir so ein bisschen hervorheben. Das sind Landschaften, Kultur, Mentalität, Musik und so weiter. Es gibt vieles, was vielleicht noch nicht so bekannt ist in Indien, aber was großes Interesse hervorruft. 

Also kurzum, ich sehe eine Menge an Gemeinsamkeiten kultureller Art zwischen den beiden Ländern. Aber wir haben ja auch Beziehungen, die weit über das Kulturelle hinausgehen. Von den Studenten zu den Wissenschaftlern zu den Wirtschaftsbeziehungen, mit CEOs und deutschen Unternehmen. 

Anjana Singh: Ja, diese Art Austausch gab es ja schon seit den 1960er Jahren.  

Walter J. Lindner: Genau. In den 1960er Jahren gab auch noch einen besonderen Austausch durch die ganze Jugend, die in Europa sagte, wir müssen die Spiritualität suchen. Da war ich auch dabei. Und die Suche nach der Spiritualität sehe ich heute auch.Viele Leute kommen nach Indien, um zu meditieren, für Yoga, Ayurveda, transzendentale Meditation und so weiter. 

Anjana Singh: Sehen Sie da an diesem Punkt - Sie waren ja schon damals in Indien und jetzt sind Sie wieder hier - irgendwelche Veränderungen von damals zu heute? 

Walter J. Lindner: Ja ich glaube generell war das so, dass es in den 70er Jahren eine weltweite Suche nach Sinn, nach Tiefe und nach Spiritualität gab. In den 80er und 90er Jahren ging es dann mehr darum wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Und jetzt gibt es eine gewisse Rückbesinnung auf Spiritualität. Sie war nie weg, sie wurde nur etwas verdrängt. Ich glaube schon, dass es nach COVID wieder eine Phase geben wird, wo die Leute sagen, jetzt haben wir mal die Pause-Taste gedrückt und was wollen wir jetzt eigentlich? Wollen wir jetzt einfach noch schneller und noch mehr oder wollen wir einfach mal nachdenken, was wollen wir in diesem Leben? Und da ist Indien der perfekte Ort für.  

Anjana Singh: Sie sind ja jetzt so gut integriert würde ich sagen, Sie sind ja viel mehr in Indien gereist als ich. Gab es irgendwo ein lustiges Erlebnis oder ein Fettnäpfchen? Sind Sie mal in ein Fettnäpfchen getreten hier in Indien? 

Walter J. Lindner: Ich glaube man muss immer einen gewissen Respekt vor der Kultur mitbringen. Ob Sie nun in einen Tempel gehen und die Glocke mit der linken Hand läuten, das ist schon ein Fettnäpfchen. Oder Sie geben jemandem ein Geschenk mit der linken Hand, das darf man auch nicht machen. Also das sind so Punkte, die Sie nicht machen sollten. Besonders wichtig ist der Respekt vor religiösen Gefühlen. Da es hier in Indien mindestens zehn große Religionen gibt, gibt es auch an jeder Ecke irgendwas Spirituelles, da muss ich aufpassen. Nicht aufpassen in dem Sinne, dass es alles verboten ist, aber wo man ein gewisses sensibles Verhalten an den Tag legen muss. Den Kopf bedecken, die Schuhe ausziehen, nicht mit dem Rücken zur Gottheit aus dem Tempel rausgehen. Es gibt viele Dinge, die Sie so über die Zeit mitbekommen. Und das wird entschuldigt bei einem Ausländer, weil man sagt, ja der weiß es ja nicht. Aber wenn Sie längere Zeit hier sind und Sie wollen das Land respektieren, dann ist es wichtig, dass man so etwas weiß. Also ich habe diese Fettnäpfchen alle betreten, aber ich habe daraus gelernt und jetzt hoffe ich, dass es mir gelingt, diese Fettnäpfchen zu vermeiden. 

Anjana Singh: Was könnte eine App wie die New2App leisten, um die gesellschaftlichen Teile zugunsten der Integration abzudecken? Anders gesagt, welche Inhalte sollten wir auf dieser App haben, die es erleichtern auch gesellschaftlich in Deutschland anzukommen? 

Walter J. Lindner: Solch eine App ist in der Tat nützlich, weil sie Informationen bündelt. Was erwartet mich, wenn ich nach Deutschland komme? Aber umgekehrt auch, was erwartet mich, wenn ich Deutscher bin und nach nach Indien komme? Beides ist für Integration wichtig. Ganz spontan fallen mir Themen ein wie: Welche Spezialisierungen gibt es in den einzelnen Universitäten, aber auch ganz allgemeine Fragen wie die Gesellschaft funktioniert, wie der Staat aufgebaut ist, wie die Nachbarschaften sich helfen, wie man sich bei Behörden verhält oder so. Das ist endlos, da kann man vieles da reinpacken, was nützlich ist. Das muss ja jetzt am Anfang noch nicht fertig sein, das kann sich im Laufe der Zeit immer mehr verdichten und dann sieht man, dass das ein richtiges Sammelsurium an Informationen wird. 

Anjana Singh: Vielen, vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben. 

Walter J. Lindner: Sehr gerne, viel Erfolg für die App. 

Das Interview mit Walter J. Lindner, dem deutschen Botschafter in Delhi, führte Anjana Singh. Transkription und Aufbereitung Tanja Holbe 

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